Neobiota in der Region

An dieser Stelle möchten wir gebietsfremde und invasive Arten aus der Tier- und Pflanzenwelt im Biosphärenreservat vorstellen. Diese Tiere und Pflanzen würden natürlicherweise nicht in Deutschland vorkommen. Der Mensch brachte sie in die Kulturlandschaft. Diese Arten werden Neobiota genannt. Doch ab wann ist eine Pflanze ein Neophyt (bei Pflanzen) oder ein Neozoe (bei Tieren) oder bereits heimisch? Das Jahr 1492 gilt als ein Scheidejahr, um eine Einordnung in heimische oder gebietsfremde Arten zu treffen: Arten, die sich nach diesem Jahr in Deutschland etablierten, werden als Neobiota eingeordnet. Arten, die bereits vor diesem Jahr anzutreffen waren, gelten als heimische Arten.

Die Nilgans - Von Afrika an die Elbe

Zwei Nilgänse auf einem Acker

Die Nilgans (Alopochen aegyptiaca) ist sehr anpassungsfähig und nicht besonders wählerisch. Sie ernährt sich hauptsächlich von Sämereien, Gräsern und Wasserpflanzen, daneben aber auch von Würmern, kleinen Krebstieren und Schnecken. Sie ist ein weit verbreiteter Brutvogel in den meisten Teilen der Subsahara Afrikas und dem Nildelta, ausgenommen Waldflächen und Wüsten. Sich selbsterhaltende Brutkolonien befinden sich in Nordwesteuropa und Großbritannien. Gelegentlich brütet die Nilgans sogar in Florida, Neuseeland und Australien. In Großbritannien wurde diese Art im 17. Jahrhundert hauptsächlich als Ziergeflügel für Herrenhäuser eingeführt und brütete bis zum folgenden Jahrhundert dort weit verbreitet.

Von dort aus gelangte die Nilgans dann auch nach Deutschland. Erste Nachweise stammen vom Niederrhein aus dem Jahr 1986, seit dem hat sie sich rasant vermehrt. Unter allen nicht-heimischen Vogelarten Deutschlands weist die Nilgans die rapideste Bestandszunahme und Arealerweiterung auf. Konnten im Jahr 2000 noch ca. 300 Brutpaare nachgewiesen werden, sprechen aktuelle Schätzungen von 10.000 Brutpaaren. Auch im Biosphärenreservat Flusslandschaft Elbe können vermehrt diese Vögel nachgewiesen werden – das erste Mal im Jahr 2002 mit einem Brutpaar unweit von Lütjenheide. Seitdem entwickelt sich die lokale Population immer stärker und erfuhr 2018 mit 110 Tieren (für den nördlichen Teil des Biosphärenreservates), darunter zahlreichen Jungtieren, einen neuen Spitzenwert. Die Vögel können am besten im Gebiet der Lenzener Deichrückverlegung, um Gandow, Seedorf, Baekern, Alt Eidenburg, Hafen Wittenberge, Hinzdorf, Klein Lüben, Wehrgruppe Quitzöbel … beobachtet werden.

Etwas kleiner als Graugänse, heben sich Nilgänse durch ihre graue Grundfärbung und das rost- bzw. rotbraune Gefieder mit einem braunen Augenfleck deutlich von anderen Gänsearten ab. Männchen und Weibchen sind gleichermaßen gefärbt und zeichnen sich durch aggressives Verhalten gegenüber Konkurrenten aus. Die Wahl der Neststandorte reicht von Bäumen und Bauwerken über Höhlen bis zum Boden und ist ein klarer Vorteil gegenüber anderen Gänsearten. Teilweise besetzt die Nilgans auch Nester anderer Gänse oder sogar Horste von Störchen. Zudem weist die Nilgans eine ähnlich hohe Legegröße von 6-9 (max. 12) Eiern auf wie die heimische Graugans mit 4-9 (max. 12) Eiern. Vermutlich ist die Nilgans ein Gewinner der Klimaerwärmung und profitiert von den zunehmend warmen Wintern Mitteleuropas, welche es ihr ermöglichen Europa als Brut – und als Winterquartier zu erschließen.

Aufgrund ihres invasiven Charakters und der damit einhergehenden Bedrohung für native Wasservogelarten, wird die Nilgans im Bundesamt für Naturschutz in Bonn auf seiner Grauen Liste der sogenannten potenziell invasiven Arten geführt. Möglicherweise muss die Nilgans zukünftig systematisch bejagt werden, um die lokale Fauna zu schützen. Bislang fehlt jedoch die Festlegung einer Jagdzeit per Verordnung durch das Land Brandenburg, weshalb die Nilgans zum aktuellen Zeitpunkt nicht als Jagdwild gilt.

Die Nutria - Neuer alter Bewohner der Elbtalaue

Ein Nutria auf einer Wiese.

Die Nutria (Myocastor coypus) ist ein semi-aquatisch lebendes Nagetier, das in den letzten Jahren immer häufiger im Biosphärenreservat Flusslandschaft Elbe zu beobachten ist. Die ursprünglich aus Südamerika stammende Art wurde bereits Anfang des 20. Jh. am Oberrhein festgestellt. Die heute in Deutschland vorkommenden Tiere sind hauptsächlich Gefangenschaftsflüchtlinge, die aus Pelzfarmen entwichen oder gezielt ausgesetzt wurden.

Die Kopf-Rumpf Länge beträgt ca. 45 cm bis 65 cm. Der drehrunde Schwanz ist zwischen 30 cm und 45 cm lang. Die Fellfarbe variiert zwischen gelbgrau bis schwarz. Die Vorderläufe sind mit starken Krallen bewehrt, die zum Graben dienen. Die Hinterfüße habe zwischen vier Zehen Schwimmhäute. Gut zu erkennen sind die großen orangeroten Nagezähne. Die Färbung entsteht durch Eiseneinlagerungen, die vor Abnutzung schützen.

Verwechst werden kann die Nutria mit dem heimischen Elbebiber (Castor fiber albicus), der deutlich größer ist und einen abgeplatteten Schwanz (Kelle) besitzt.

Die Nutria gehört zu den Neozoen (Tierarten die nach 1492 durch den Menschen verschleppt wurden) und gilt als invasive Art. Nutrias ernähren sich hauptsächlich von Pflanzen. Fraßschäden an Ufer- und Unterwasserpflanzen können erhebliche Auswirkungen haben. In der Literatur wird beschrieben, dass u.a. die Ausbreitung von Röhrichten durch Nutrias verhindert werden können. Damit haben die Nutrias nicht nur einen Einfluss auf die Vegetation an Gewässern, sondern auch auf Arten die auf diese Lebensräume angewiesen sind. Ein weiteres ökologisches Problem scheint der Fraß von Muscheln zu sein. Zwar ernähren sich Nutrias nur gelegentlich von tierischer Kost, aber lokal kann das durchaus den Großmuschelbestand gefährden.

Durch ihre Grabtätigkeit und dem Anlegen von Bauen an Ufern von Gewässern können Nutrias erheblichen Schaden an Deichen verursachen und Wege unterhöhlen.

Die Naturwacht erfasst in der Saison 2018/19, im Zusammenhang mit dem Bibermonitoring auch Hinweise auf Nutrias, wie Baue, Spuren, Losungen und Sichtungen. Ziel ist es sich ein Bild zu machen wie weit die Etablierung der Nutrias im Biosphärenreservat fortgeschritten ist und ob sich die Art weiter in Ausbreitung findet.

 

Literatur:

Arnold, J.M., Greiser, G., Krüger, S., Martin, I. (2016): Status und Entwicklung ausgewählter Wildtierarten in Deutschland. Jahresbericht 2015. Wildtier-Informationssystem der Länder Deutschlands (WILD). Deutscher Jagdverband (Hrsg.), Berlin.

Biela, C. (2008): Die Nutria (Myocastor coypus MOLINA 1782) in Deutschland – Ökologische Ursachen und Folgen der Ausbreitung einer invasiven Art, Diplomarbeit TU München

Nehring, S. (2016): Die invasiven gebietsfremden Arten der ersten Unionsliste der EU-Verordnung Nr. 1143/2014, BfN Skripten 438. BfN (Hrsg.)

Nutria – Management- und Maßnahmenblatt zu VO (EU) Nr. 1143/2014 (https://mlul.brandenburg.de/cms/media.php/lbm1.a.3310.de/Nutria-Management-Ma%C3%9Fnahmenblatt_03_2018_UAK.pdf)

ZAHNER, V. (2004): Verdrängen Bisam und Nutria den heimischen Biber? LWF aktuell, 45, 38–39.

Autor: Clemens Herche, Naturwacht Rühstädt