Forum Baukultur

Beim Wettbewerb zur Baukultur in der Biosphärenregion im Jahr 2019 wurde die Idee geboren, eine gemeinsame Austauschplattform zur regionalen Baukultur ins Leben zu rufen. Für die Vernetzung der Aktiven, für den Austausch und die Verbreitung guter Ideen und für die Umsetzung konkreter Projekte. Die Modellregion UNESCO-Biosphärenreservat Flusslandschaft Elbe in Brandenburg – möchte dafür in der Prignitz ein Forum schaffen, dass ab 2020 jährlich stattfindet.

Zum ersten Forum Baukultur in der Biosphärenregion wollten wir Sie für den 28. April einladen – in eines der Preisträgerobjekte des Baukulturwettbewerbs 2019, den Judenhof Perleberg. Wegen der Corona-Pandemie findet die Auftaktveranstaltung nun zu einem späteren Zeitpunkt statt. Wir möchten dennoch den Prozess der Vernetzung, des Gedankenaustauschs, Ideensammelns und Kreativseins starten. Trotzdem und gerade jetzt. Daher möchten wir Sie herzlich einladen, im digitalForum Baukultur in der Biosphärenregion mitzuwirken. Mit drei Fragen möchten wir mit Ihrer Hilfe den Blick auf das Thema Baukultur in der Region schärfen.

Hier finden Sie die bereits eingegangenen Antworten auf die drei Fragen zur Baukultur.

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Wir veröffentlichen kontinuierlich alle weiteren Zuschriften.

Welche Bedeutung hat Baukultur für unsere Region: kulturell, sozial, wirtschaftlich, ökologisch?

Ute Beckmann, Klein Lüben: Der Mensch identifiziert sich über die Befriedigung seiner Grundbedürfnisse, Essen, Wohnen, soziale Kontakte. So spielt das Wohnen im Allgemeinen und das persönliche im Speziellen im Leben eines jeden von uns eine sehr große Rolle. Unsere persönliche Wohnsituation hat einen unmittelbaren Einfluss auf unsere Lebensqualität. Im besten Fall bietet unsere Wohnung oder unser Haus uns nicht nur Schutz vor Witterung, sondern auch ein Zuhause. Wir identifizieren uns mit unserem Heim, es ist Teil unseres Lebens, hier dürfen wir und unsere Lieben uns WOHL fühlen. Darüber hinaus nehmen wir das Wohnen all der Menschen um uns wahr und erleben die uns umgebenden Wohnräume. Sie sind Teil unserer Kultur, erreichen uns, berühren uns, lösen positive Gefühle in uns aus oder stoßen uns schlimmsten falls ab und bereiten uns Unbehagen oder sogar Angst. Im Laufe vieler hundert Jahre hat sich eine regionale Baukultur herausgebildet, die die Bedürfnisse der Menschen und die Möglichkeiten des Standortes zusammen geführt hat. Wir finden hier intuitiv Inspiration, die unseren regionalen Lebensbedingungen entspricht und die unsere äußeren Parameter und Standortmöglichkeiten (Klima, vorhandene Rohstoffe, wirtschaftliche Möglichkeiten) berücksichtigt.

Margret Voelkel und Susanne Dorow, LEADER-Regionalmanamgement Prignitz, Perleberg: Die Baukultur der Prignitz ist einzigartig: sowohl hinsichtlich ihrer Vielfalt – von den bäuerlichen Rundlingsdörfern über Elbedörfer mit ihren Hallenhäusern bis hin zu ländlichen und urbanen Industriebauten – als auch dadurch, dass viele dieser Bauwerke erhalten geblieben sind, sei es in gutem oder in schlechtem Zustand. Zahlreiche Dörfer haben einen ursprünglichen Charakter bewahrt. Diese Baukultur bildet einen wichtigen Teil der Prignitzer Identität und trägt maßgeblich zum Charme und zur Ausstrahlung der Region bei. Auf Baukultur, die intakt und mit Leben gefüllt ist, sind die Einwohner stolz und die Lebensqualität steigt. Alte Häuser sind oft mit ortstypischen Materialien gebaut worden, die im ökologischen Bauen genutzt werden: Lehm, Backstein, Holz. Alte Gewerke werden in der Region gepflegt, so gibt es zahlreiche Lehmbauer und Architekten, die sich auf Altbauten spezialisiert haben. In der Prignitz gibt es noch Handwerker, die traditionelle Techniken beherrschen und anwenden können. Auch stammen verwendete Materialien, wie z.B. Lehm, teilweise aus der Region. Somit stärkt der Erhalt von regionaler Baukultur auch die regionale Wirtschaft.

Welche Faktoren beeinflussen die regionale Baukultur: welche Risiken und Chancen gibt es?

Ute Beckmann, Klein Lüben: Aus diesen vorhanden Möglichkeiten zu schöpfen bietet uns die Chance, auf den Erfahrungsschatz unserer Altvorderen zurückzugreifen und davon zu profitieren. Wir können ihr Wissen aufgreifen und unseren Teil zur Weiterentwicklung dessen beitragen. Das größte Risiko scheint mir persönlich, sich nicht in all den sich bietenden Möglichkeiten zu verirren. Nicht jeder Bauherr, auch Profis nicht, hat die nötige geschmackliche Reife und die fachliche Kompetenz, so dass in großem Umfang Wohnraum entsteht, der diese beiden Standards nicht erfüllt. Aus den selben Gründen geht vorhandene Bausubstanz verloren. Darüber hinaus fehlt es an Wertschätzung und der Phantasie sich ein Projekt mit alter Substanz vorstellen zu können, so dass häufig ein Neubau vorgezogen wird, bei dem dann die Regionalität und Baukultur auf der Strecke bleiben.

Margret Voelkel und Susanne Dorow, LEADER-Regionalmanamgement Prignitz, Perleberg: Viele alte Häuser besonders im ländlichen Raum haben neue Besitzer gefunden, die sich mit viel Zeit und großem Aufwand der denkmalgerechten Sanierung widmen. Nichtsdestotrotz gibt es nach wie vor Leerstand – auch, weil die sanfte Sanierung eines alten Hauses einen großen Aufwand und Einsatz bedeutet oder weil Eigentumsverhältnisse ungeklärt sind. Schwieriger ist es mit den historischen Industrieanlagen vor allem auf dem Land: riesige Mühlen, Molkereien, Brennereien, die oft im Ortszentrum stehen und verfallen. Hierfür braucht es neue Nutzungsideen, Unternehmergeist und entsprechendes Kapital zur Sanierung. Über die EU-Förderung durch LEADER gab es in den vergangenen und der aktuellen Förderperiode Möglichkeiten, Fördermittel für Projekte, die in Zusammenhang mit Baukultur stehen, zu beantragen. Viele Bauprojekte haben davon profitiert und konnten dadurch gerettet werden. Auch bietet die LEADER-Förderung einen Anreiz für eine originalgetreue Sanierung, da der damit verbundene finanzielle Mehraufwand durch die Fördermittel ausgeglichen wird. Einen ersten Eindruck bieten die Projektvorstellungen. Im vergangenen Jahr wurden beim Wettbewerb Baukultur gleich mehrere LEADER-geförderte Projekte ausgezeichnet bzw. gewürdigt: der Kirchturm in Rosenhagen, der Burgpark Lenzen, die Kirche in Brüsenhagen, das Pfarrhaus Mödlich, der Vierseitenhof in Klein Lüben und der KulturHof Breetz.

Was könnte zu einer positiven Entwicklung der regionalen Baukultur beitragen: was kann ich/mein Unternehmen/meine Institution konkret dafür tun?

Ute Beckmann, Klein Lüben: Bei vorhandener, im Moment nicht genutzter (sanierungsbedürftiger) Bausubstanz sollte geprüft werden, ob ein Konzept erstellt werden kann, so dass vorhandene Gebäude wieder einer Nutzung zugeführt werden können. Vielleich kann es hierzu Hilfestellungen von öffentlicher Seite geben? Vielleicht ein Beirat auf kommunaler Ebene oder beim Biosphärenreservat angesiedelt. Wunderbar wäre es, die Menschen, für den kulturellen Schatz, der sie umgibt zu begeistern. Vielleicht ist es möglich bei den Schulkindern mit Projekten oder Ähnlichem zu beginnen. Darüber hinaus kann ich mir eine Zusammenarbeit mit Studenten vorstellen. Mir fällt auf, dass selbst den Profis im Baugewerbe oft der Blick und die Wertschätzung für die regionale Baukultur gänzlich abhanden gekommen sind. Und ganz eventuell lässt sich das Konzept regionale Baukultur ja auch noch weiter entwickeln ... Welche Nutzungsmöglichkeiten/Nutzungskonzepte bieten sich für vorhandenen Gebäude an und haben sich bewährt? Welche Materialen haben sich bei der Sanierung von alten Gebäuden bewährt, welche kommen für Neubauten in Frage? Wie könnte ein Neubaueinfamilienhaus in der Prignitz in einem Dorf/in der Stadt aussehen? Meine Familie hat noch eine Betriebsstätte mit historischen Gebäuden. Die Scheune werden wir nicht erhalten können. Falls es hier zu einem Neubau kommt, werden wir uns aber an Standort, Kubatur und Materialität des ehemaligen Gebäudes orientieren. Das Wohnhaus haben wir gesichert und werden dafür in den kommenden Jahren ein Nutzungskonzept erstellen und die Sanierung in Angriff nehmen. Auf jeden Fall werden wir es erhalten.

Margret Voelkel und Susanne Dorow, LEADER-Regionalmanamgement Prignitz, Perleberg: Inspiration durch andere positive Beispiele, kompetente und fachgerechte Beratung, Möglichkeiten finanzielle Unterstützung zu erhalten und eine gute Unterstützung durch die zuständigen Behörden. Wir gehen davon aus, dass auch in der kommenden Förderperiode wieder überzeugende Projekte, die auch Sanierungen beinhalten, über LEADER gefördert werden können und werden dazu rechtzeitig informieren. Gleichzeitig stehen wir gerne zu Beratungen – auch, sobald das wieder möglich ist, vor Ort – zur Verfügung, um ggf. andere Fördermöglichkeiten vorzuschlagen. Für „schwierige“ Objekte könnte möglicherweise die Zusammenarbeit mit Initiativen wie zum Beispiel den „Zukunftsorten“, die regelmäßig Leerstandssafaris anbieten, interessant sein. Vereinzelt ist bei Sanierungen der Erhalt im ursprünglichen Zustand nicht oder kaum möglich, z.B. aufgrund neuer Nutzungsideen, Fragen der Energieeffizienz oder mit der Erneuerung verbundener sehr (zu) hoher finanzieller Aufwendungen. Hier sollten Möglichkeiten bzw. Alternativen möglich sein und auch aufgezeigt werden, um dennoch eine Anlehnung an die regionale Baukultur erzielen zu können. Dabei könnte ein Netzwerk aus Baukultur-„Experten“ bzw. Eigentümern von entsprechenden Objekten hilfreich sein, das bei Sanierungsvorhaben unterstützen und vermitteln kann.